Auditive Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung

Was ist AVWS?

© iStock/Tuned_In

Patienten mit der Diagnose AVWS können ganz normal Hören. Jedoch besteht eine Fehlfunktion bei der korrekten Weiterleitung der Schallsignale vom Innenohr ins Gehirn, wo die Information in der Regel richtig verarbeitet wird. Dies äußert sich dann beispielsweise in einer mangelnden Konzentrationsfähigkeit beim Betroffenen. Es ist bekannt, dass 3-5% aller Kinder unter einer AVWS leiden, bei Jungen kommt sie 2-mal häufiger vor, als bei Mädchen. AVWS wird auch als Zentrale Hörwahrnehmungsstörung bezeichnet.

AVWS wirkt sich auf verschiedene Art und Weisen aus. Das hängt unter anderem davon ab, in welcher Nervenregion im Gehirn genau das Defizit in der Weiterleitung liegt. So kann sich die Wahrnehmungsstörung bei folgenden Situationen bemerkbar machen:

  • In der Schule, wenn die Lehrkraft spricht und laute Hintergrundgeräusche herrschen. Der Lehrer kann nicht mehr optimal verstanden werden, da es dem Betroffenen schwerfällt, die Stimme des Lehrers aus dem Klassenlärm zu selektieren.
  • Bei Diktaten und zu schnellem Sprechen können Laute nicht korrekt aufgenommen bzw. nicht korrekt wiedergegeben werden. Dies führt zu Rechtschreibfehlern.
  • Einmal gehörte, längere Sätze bzw. eine längere Zahlenreihe (3-6 Zahlen) können nicht immer korrekt wiedergegeben werden.
  • Aufgrund einer eingeschränkten Verarbeitung treten Konzentrationsstörungen zum Teil schon nach kurzer Zeit auf.

Wodurch entsteht AVWS?

Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung kann erblich bedingt sein (die Leidtragenden haben es von Geburt an) oder im Laufe des Lebens durch Krankheit entstehen. Es kann die Folge einer anhaltenden Mittelohrentzündung oder einer Kopfverletzung sein, die sich problematisch auf das zentrale Nervensystem auswirkt und die Verarbeitung auditiver Informationen beeinträchtigt. Die eigentlichen Ursachen von AVWS sind jedoch unbekannt.

Warnhinweise für eine eventuell bestehende AVWS sind unter anderem:

  • andauerndes, übermäßiges Leise- oder Lautsprechen
  • andauerndes auffälliges, monotones Sprechen
  • viele Rückfragen/Vergewisserungsfragen
  • inhaltlich von der Frage abweichende Antwort
  • inhaltlich von der Aufforderung abweichende Leistung
  • schlechteres Verstehen in lauten oder halligen Räumen
  • kein oder nur kurzzeitiges Interesse an vorgelesenen Geschichten
  • deutlich eingeschränkte auditive Merkfähigkeit (z.B. bei Liedtexten, Abzählreimen)

Was passiert bei der logopädischen Diagnostik einer AVWS?

Nach einem ausführlichen Anamnesegespräch zwischen einem Facharzt für Phoniatrie und Pädaudiologie und den Eltern des Patienten, folgt die Überprüfung des Hörvermögens durch einen ausgebildeten Mitarbeiter.

Im Anschluss durchläuft das Kind die logopädische Diagnostik, die, in Abhängigkeit vom Alter des Kindes, zwischen 30 und 60 Minuten dauert. Dort wird zunächst ein Sprachstatus zur Überprüfung des Sprachverständnisses und der allgemeinen sprachlichen Fähigkeiten durchgeführt. Das Kind wird aufgefordert, bestimmte Bilder zu zeigen oder zu benennen. Weiterhin wird die Verwendung grammatikalisch korrekter Formen untersucht.

Es schließen sich Testungen des auditiven Kurzzeitgedächtnisses (z.B. das Nachsprechen von Zahlenfolgen und Pseudowörtern), der auditiven Analyse und Synthese (z.B. Erkennung vorgesprochener Wörter trotz fehlender Laute, Wortbildung anhand vorgesprochener Einzellaute) und der phonematischen Differenzierung (z.B. Unterscheidung ähnlich klingender Sprachlaute / Wörter) an.

Wie läuft die AVWS-Therapie ab?

Die AVWS gilt grundsätzlich als nicht heilbar, aber mit einer gezielten Therapie und Förderung können mögliche Spätfolgen gemildert und bestenfalls verhindert werden. Die Therapie basiert auf einem multimodalen Ansatz und benötigt eine interdisziplinäre Zusammenarbeit. Das bedeutet, dass verschiedene Berufsgruppen (z.B. Logopäden, Sprachheiltherapeuten, Ergotherapeuten) eng miteinander zusammenarbeiten. Bei einer diagnostizierten AVWS wird eine individuelle Sprach- und Hörtherapie durch einen Logopäden bzw. Sprachtherapeuten in enger Zusammenarbeit mit den Angehörigen des Patienten geplant und durchgeführt. Wichtig ist, dass die Beratung der Eltern und die Therapie frühestmöglich beginnen, um die Phasen der Hirn- und Hörentwicklung rechtzeitig zu fördern und zu unterstützen. Die Therapie setzt sich unter anderem aus verschiedenen Spielen / Übungen für die Laut- und Silbenwahrnehmung, Reimidentifikation, Tonlängen- und Tonhöhenwahrnehmung sowie Richtungshören zusammen. Zusätzlich sollte ein Hörgerät verordnet werden, um Hördefizite kompensieren zu können.

Was sind die Folgen einer nicht-behandelten AVWS?

Mögliche Folgen einer unbehandelten AVWS können drastisch ausfallen und ähneln den Symptomen des Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADS/ADHS). Häufig haben die Betroffenen bestehende Schwierigkeiten bei der Differenzierung, Identifikation, Synthese und Analyse von Sprachlauten beim Schreiben und beim Lesen. Zusätzlich kann eine Hyperakusis (Lärm- und Lautstärkeempfindlichkeit) auftreten, bei der einfache Alltagsgeräusche (z.B. eine Türklingel) aufgrund ihrer Lautstärke für den Betroffenen zur Qual werden.